Anne Borchardt,Yahoo Style Deutschland
vor 23 Stunden
Zusammen mit dem Co-Regisseur und Drehbuchautor Adrian Molina bin ich ins mexikanische San Miguel de Allende gereist, um buchstäblich in die Welt von „Coco“ abzutauchen…
Warum „Dia de los Muertos“ mich verändert hat
Gelandet in Mexiko City ging es mit dem Bus weiter ins Herzen des Landes – nach San Miguel de Allende. Mehr als 60 verschiedene Nationen leben in der kleinen, bunten UNESCO-Weltkulturerbestadt. Umhüllt von dem Geruch frischer Schnittblumen, geschmückt für das traditionelle Fest, war die Stadt bereit für die wichtigsten Tage des Jahres. Wo ich hinsah – Totenkopfdekorationen in allen Variationen, Kinder und Erwachsene mit traditionellem Catrina-Make-up und Kostümen – mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Skelette und Totenköpfe waren bislang eher etwas, das mir Angst machte, das ich mir auch an Halloween nicht in die Wohnung stellen würde. (Heute steht ein bemalter Totenkopf als Erinnerung an dieses unbeschreibliche Erlebnis in meinem Regal).Totenkopf-Make-up und bunte Gabentische mit Tequila
Wie auch Miguels Familie in „Coco“ errichtet jede Familie zum „Dia de los Muertos“ eine traditionelle Ofrenda (Altar). Dieser Gabentisch, auf dem die Fotos der Verstorbenen stehen, wird mit zahlreichen Ringelblumen in Orange und Rot, bunten Zuckerfiguren und kleinen Särgen aus Marzipan geschmückt. Zu dem Altar gehört eigentlich auch immer ein frischgebackenes süßes Brot (Pan de Muertos), Körner, die zu einer Figur vor den Altar gestreut werden und Speisen und Getränke, die der- oder diejenige gern gegessen bzw. getrunken hat.Auf manchen Ofrendas findet man auch eine Flasche Mezcal, Tequila und einen Teller mit Zigaretten – Geschenke für die Toten, die in der Nacht zurückkommen, wenn sie gerufen werden. An den Abenden zwischen Ende Oktober und Anfang November füllen sich die Straßen Mexikos mit verkleideten Menschen, die in einer Parade durch die Stadt ziehen, um im Zentrum auf dem Platz Kerzen anzuzünden, zu tanzen und Aufführungen traditioneller Bräuche auf der Bühne zu bestaunen. Groß und Klein, lebendig oder im Herzen – jeder geht raus, um das Leben und den Tod zu feiern.
Bands und ein Picknick mit der Familie auf dem Friedhof
Am 2. November durfte ich Teil einer Tradition werden, die für mich vorher unvorstellbar gewesen wäre. Ich selbst habe letztes Jahr das Schrecklichste erlebt und ein geliebtes Familienmitglied verloren. Jedes Mal, wenn ich seitdem am Grab stehe, frische Blumen niederlege, von meinem Tag und dem auffressenden Gefühl des Vermissens erzähle, laufen mir Tränen die Wangen herunter und das Gefühl der Traurigkeit lässt sich durch nichts mehr besiegen. Das Gefühl, das Leben umarmen zu wollen, gibt es dann nicht.In Mexiko durfte ich einen ganz neuen Weg kennenlernen, mit dem Tod umzugehen. Während die Menschen am Abend fröhlich durch die Straßen von San Miguel de Allende ziehen, verbringen sie den gesamten sonnigen Tag auf dem Friedhof.
Bereits der Weg dorthin war beeindruckend. Links und rechts auf der Straße, die zum Friedhof führt, sind große und kleine Marktstände dicht an dicht gedrängt. Blumenverkäufer, Tische mit mexikanischem Essen und Süßigkeiten, dazwischen kleine Jungs, die Blechdosen als Blumenvasen verkaufen. Alle Familien machen hier die letzten Besorgungen für das Schmücken des Grabes. Mit Eimern, Haken, Stühlen, Picknickkörben und mehreren riesigen Ringelblumensträußen gehen sie in einer Menschentraube zu dem Grab ihres geliebten Menschen bzw. der Familienangehörigen. Ein buntes Treiben, das ich nie vergessen werde.
Schon im jüngsten Alter lernen die Kinder Mexikos, dass der Tod ein anderer Abschnitt des Lebens ist, vor dem man Respekt, aber keine Angst haben sollte. Immer mit dem Ausblick, dass das Sterben nicht endgültig ist, schließlich kehrt man einmal im Jahr zu seiner Familie zurück. Im Vordergrund von „Dia de los Muertos“ steht die Erinnerung und der Zusammenhalt der Familie, auch über den Tod hinaus.
Wer „Coco“ gesehen hat, möchte sofort seine Familie in den Arm nehmen
Ein
kleiner Junge, der in der Welt der Toten nach seinen Wurzeln sucht,
umgeben von Skeletten, entfernt von seinen lebenden Verwandten. Klingt
erstmal nicht nach einem Stoff für die erste Wahl eines Kinofilms, den
man zusammen mit Kindern in der Vorweihnachtszeit anschaut. Bevor ich
dieses einmalige Fest in San Miguel de Allende erleben durfte und nur
die Inhaltsangabe von „Coco“ kannte, konnte ich es mir auch nicht
vorstellen. Aber so wie mir die Angst genommen wurde, so wird es „Coco“
auch bei Kindern tun. Es steht außer Frage, dass der Tod auch immer
Trauer bedeuten wird. Doch zu der Trauer und dem Vermissen wird sich,
durch das Eintauchen in die Tradition des „Dia de los Muertos“, auch ein
schönes Gefühl gesellen. Das Wissen, das alle geliebten Menschen in
unseren Herzen, unseren Erinnerungen weiterleben, eben einfach in einer
anderen Welt. Eine Welt, die dank „Coco“ ein freundliches und
farbenfrohes Gesicht hat.
Yahoo
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen