Wie bedenkliche Zusatzstoffe die Limonade verschönern
Von Udo Pollmer
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- Bromiertes
Pflanzenöl sorgt dafür, dass Aromastoffe in Limonaden gleichmäßig
verteilt werden. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
In
den USA sind bromierte Pflanzenöle ein beliebter Zusatzstoff für
Limonaden, in der EU sind sie verboten. Trotzdem kommen sie in
Lebensmitteln vor, wie neue Untersuchungen zeigen. Warum bloß?
Unsere
Lebensmittelindustrie ist Hüterin von vielerlei Geheimnissen. Manche
lassen sich bei der Lektüre von Etiketten immerhin erahnen. Zu den
Mysterien der Zutatenlisten zählen so kuriose Begriffe wie die
"Fruchtzubereitung", ein Produkt das primär aus Zubereitung und weniger
aus Früchten besteht oder der "Limonadengrundstoff", wohl um den
Unterschied zu den Limonadenaufbaustoffen wie Wasser und Zucker deutlich
zu machen.
Unlängst haben Stuttgarter Lebensmittelchemiker
Limonaden untersucht und prompt fanden sie darin einen unerwarteten
Zusatz, nämlich sogenannte bromierte Pflanzenöle. Bromierte Pflanzenöle
sind in Deutschland verboten – weil sie sich im menschlichen Fettgewebe
und damit auch im Nervengewebe anreichern. Und weil es zumindest einen
dokumentierten Fall gibt, bei dem sich ein Kunde mit so einem
alkoholfreien Magenspüler im wahrsten Sinne des Wortes blöd gesoffen
hat.
Die Ware stammte ursprünglich aus den USA. Dort ist der
Zusatzstoff ebenso legal wie beliebt, nicht nur in Soft Drinks sondern
auch in anderen Lebensmitteln wie Gebäck. Aus Sicht der US-Behörden ist
der Stoff ungiftig, auch deshalb weil der genannte Patient nach Absetzen
der Limoflasche wieder vollständig genas.
Der Trick: Weighting Agents
Wozu
in aller Welt braucht man bromiertes Pflanzenöl? Man benötigt es, um
die Aromastoffe gleichmäßig im Getränk zu verteilen. Zitrusöle, die aus
den Schalen von Orangen und Zitronen gewonnen werden, sind nicht mit
Wasser mischbar. Sie würden oben in der Flasche wie ein Fettauge
schwimmen. Um sie gleichmäßig im Getränk zu verteilen, greift man zu
einem physikochemischen Trick.
Man passt die Dichte der
Aromamischung an die Dichte des Getränks an. Zu diesem Zweck lässt man
Sojaöl mit Brom reagieren. Da Brom viel schwerer ist als Öl oder Wasser,
lässt sich damit das Gewicht des Öles erhöhen. Deshalb heißen solche
Zusatzstoffe fachsprachlich Weighting Agents, abgeleitet vom englischen
Wort für Gewicht. Wörtlich übersetzt wären es "Stoffe zum Beschweren".
Diese
Weighting Agents vermischt man nun mit den Zitrusölen, bis die Mischung
exakt die gleiche Dichte hat, wie die restliche Limo aus Wasser,
Zucker, Säuren, Farbstoff usw. Die bromierte Öl-Aroma-Mixtur wird
homogenisiert bis sich winzige Tröpfchen bilden. Die verteilen sich
jetzt gleichmäßig im Zuckerwasser und bleiben in der Schwebe. Da sie
aber nicht wirklich löslich sind wie der Zucker, sondern weiterhin aus
winzigen Tröpfchen bestehen, entsteht eine Trübung. Das ist das
Geheimnis der vermeintlich "naturtrüben" Limonaden.
Wurzelharz als Quelle
In
Deutschland verwendet man andere Weighting Agents, namentlich SAIB,
ausgeschrieben heißt das Saccharoseacetatisobutyrat. Daneben kommen auch
Johannisbrotkernmehl und Glycerinester aus Wurzelharz zum Einsatz. Beim
Saccharoseacetatisobutyrat handelt es sich – wie es sich für ein
Trübungsmittel gehört – um ein undurchsichtiges Stoffgemisch, dessen
Zusammensetzung je nach Anwendung variiert.
Nicht minder kurios
sind die "Glycerinester aus Wurzelharz". Das Wurzelharz heißt auch
Kolophonium oder Geigenharz. Es ist der gelblichbraune Rückstand, der
bei der Gewinnung von Terpentinöl übrig bleibt. Das Terpentin wird aus
alten Kiefernstümpfen gewonnen. Damit daraus Glycerinester werden, lässt
man die Wurzelharzsäuren aus dem Terpentin-Rückstand mit Glycerin
reagieren.
Rein rechtlich sollten für Limos nur alte
Kiefernstümpfe verwendet werden, doch ist die Verlockung groß, auch mit
verwandten Rohstoffen im Trüben zu fischen. Beispielsweise mit Tallöl,
ein Rückstand, der bei der Papierherstellung anfällt. Doch wer mag sich
schon über Beschwerungsmittel beschweren, wenn er so die Ökobilanz einer
Papiermühle und damit auch seiner Bibliothek verbessert? Mahlzeit!
Literatur
http://www.bfr.bund.de/de/a-z_index/bromierte_pflanzenoele-190883.html
Maier L et al: Bestimmung von bromierten Pflanzenölen in Erfrischungsgetränken. Lebensmittelchemie 2011; 65: 120
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