Artikel veröffentlicht: Freitag, 19.05.2017 11:35 Uhr
In
einem weltweit einmaligen Experiment legalisiert Uruguay den
Marihuana-Verkauf, jeder Bürger kann sich registrieren lassen und für
1,30 Dollar je Gramm Cannabis in Apotheken kaufen – aus staatlich
kontrolliertem Anbau. Aber einen Kiffer-Tourismus will man nicht.
Quelle:
imago
Montevideo
.
Nein, Uruguay soll nicht zum Holland Südamerikas werden. Während in
den Niederlanden der Marihuana-Verkauf in privaten Coffee-Shops
Touristen aus dem Ausland anlockt, will Uruguay mit seinem weltweit
einmaligen Experiment versuchen, die Produktion und Abgabe durch den
Staat zu organisieren und zu lenken. Aber nur für Einheimische. Die
Macht der Drogen-Clans soll damit gebrochen werden.
In
den Niederlanden gibt es außerdem lediglich eine Tolerierung. Dieses
Modell hat aus Sicht eines der Initiatoren des uruguayischen
Gras-Gesetzes, Julio Calzada, zwei Nachteile. „Es regelt nur die
Abgabe“, sagt Calzado. „Die Droge wird legal verkauft, kommt aber aus
einem illegalen Markt. Und es regelt nicht, wer Zugang bekommt.“ Er hat
sich weltweit Modelle angeschaut und unter dem linken Präsidenten José
Mujica (2010-2015) das 2013 beschlossene Gras-Gesetz erarbeitet. „Bei
uns ist der Staat für die Einfuhr der Samen, die Produktion und den
Verkauf zuständig. Und Käufer müssen sich registrieren lassen.“
22 Unternehmen haben sich um den Hanfanbau beworben
Nach
langen Debatten startet nun die umstrittenste Etappe. Ab Juli wird es
in rund 30 Apotheken neben Aspirin und Antibiotika auch Marihuana zu
kaufen geben - für 1,30 Dollar das Gramm, billiger als beim Dealer.
Zudem soll die Qualität durch den kontrollierten Anbau besser sein.
Knapp 3000 Menschen haben sich dafür seit Anfang Mai registrieren
lassen. Beteiligte Apotheken werden mit Alarmanlagen ausgerüstet, um
gegen mögliche Überfälle gewappnet zu sein. Die Bürger dürfen in den
Apotheken maximal zehn Gramm pro Woche kaufen.
Rund
40 Millionen Dollar pro Jahr verdienen Dealerbanden bisher, was
wiederum andere kriminelle Aktivitäten wie Waffenkäufe und Geldwäsche
begünstigt. 22 Unternehmen haben sich um den Hanfanbau beworben, zwei
wurden vom Staat ausgewählt: Die International Cannabis Corporation
(ICC), dessen Hauptaktionäre der Agrar-Unternehmer Juan Sartori und die
kanadische Firma Dundee sind, sowie das Unternehmen Simbiosys.
6650 Menschen haben sich für den Eigenkonsum angemeldet
Sie
dürfen jeweils zwei Tonnen pro Jahr produzieren, mit je rund 15 000
Pflanzen. Die Anbaufläche, die sich ausgerechnet in der Nähe des
Gefängnisses Libertad, westlich von Montevideo, befindet, gehört dem
Staat und wird auch von staatlichen Sicherheitskräften bewacht. Die
Produktionskosten belaufen nach Angaben auf etwa 0,60 US-Dollar pro
Gramm. Der Staat zahlt den beiden Produzenten 0,90 US-Dollar.
Außerdem
haben sich im Rahmen des Marihuana-Gesetzespakets bisher rund 6650
Menschen als private Hanfanbauer (nur für den eigenen Konsum)
eingeschrieben. Es kann Kontrollen geben, wer mehr als die erlaubten
sechs Pflanzen hat, muss mit Beschlagnahmungen rechnen.
Trotz des staatlichen Anbaus wird es weiter illegalen Konsum geben
Die
dritte Möglichkeit ist die Registrierung für einen Cannabis-Club, mit
jeweils 15 bis 45 Mitgliedern. Diese Vereine dürfen bis zu 99 Pflanzen
anbauen; pro Mitglied dürfen 480 Gramm im Jahr konsumiert werden. Aber
Uruguay soll jetzt nicht dauerhaft unter einer Grasglocke liegen. An
Arbeitsplätzen und auf öffentlichen Plätzen darf nicht gekifft werden,
und unter Gras-Einfluss darf man nicht am Steuer sitzen. Zudem kann man
sich nicht zugleich für den Kauf in Apotheken, den Anbau zu Hause oder
einen Club registrieren lassen.
Die Anzahl
der regelmäßigen Konsumenten wird von der Regierung auf 55.200 Menschen
geschätzt, mit einem Konsum von 26,5 Tonnen im Jahr. Wenn vier Tonnen
nun staatlich angebaut werden, wird es weiter ein hohes Maß an illegalem
Konsum geben, aber bis 2020 sollen 20 Tonnen legal angebaut werden
dürfen, je nachdem wie das Experiment läuft.
Bisher haben rund 1000 Patienten eine Ausnahmegenehmigung
Aber
eines soll es eben nicht geben: ein Verkaufen an Touristen und Handel
mit billigem Apotheken-Marihuana, das in Montevideo an Kiffer aus dem
Ausland verkauft wird. Das wird schwer zu kontrollieren sein. Der
Forscher am Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht, Pablo
Galain, weist darauf hin, dass das eine Grauzone fördere. „Es wäre
logisch, den Drogenmarkt im Rahmen einer Tourismus-Politik zu öffnen“,
meint er. „Weshalb soll ein Tourist bei einem einwöchigen Aufenthalt
nicht unter Registrierung zehn Gramm kaufen können?“
Die
Legalisierung heizte bereits mächtig die Gerüchteküche an. Im April
musste die Drogenbehörde dementieren, dass man vorhabe, auch eine
Variante des in Uruguay allgegenwärtigen Mate-Tee mit Cannabis zu
genehmigen. In Deutschland zum Beispiel soll eine Cannabisagentur des
Bundes den Hanfanbau zu medizinischen Zwecken steuern. Bisher haben rund
1000 Patienten eine Ausnahmegenehmigung für den Konsum.
Für
sie werden 365 Kilogramm Cannabis pro Jahr benötigt – aber diese Mengen
dürften kräftig wachsen. Daher sehen die beiden Anbauer in Uruguay
gerade auch im Marihuana-Export lukrative Einnahmequellen.
Von RND/Juan Garff und Georg Ismar/dpa
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