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Sonntag, 18. Oktober 2015

Integration: Kein Zuckerschlecken


Die 17-jährige Ava möchte eines Tages Architektin werden.


Minderjährige Flüchtlinge wie Ava bekommen im Clearing-House der SOS-Kinderdörfer in Salzburg eine zweite Chance im Leben.
„Ich sehe auf dem Bild drei Frauen im Café. Sie sind Freundinnen und trinken Eiscrème.“ Die 17-jährige Somali Ava schaut abwartend Deutschlehrerin Marlene an. „Gut! Aber denk noch einmal nach und sag es noch einmal.“
Die schlanke Somali mit dem Kopftuch und dem langen bunten Kleidern runzelt die Stirn und wiederholt dann fehlerfrei: „Die Freundinnen ESSEN Eiscrème.“ Ich frage sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Ihre schlichte Antwort: „Ich will Architektur studieren und hier in Österreich ganz normal leben.“






Ava ist ein Beispiel dafür, dass Integration funktionieren kann – selbst wenn Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen. Und Ava kommt aus einer ganz anderen Welt. Sie floh vor Zwangsehe, Armut und der Bedrohung durch Terrorgruppen wie Al-Shabab. Vieles ist für die junge Frau neu und ungewohnt. Aber sie wirkt selbstbewusst und motiviert, während sie mit wachen Blick den Ausführungen der Lehrerin im SOS-Clearinghaus in Salzburg folgt.
Ava hat eine Chance bekommen und sie will sie offensichtlich nutzen. Sie beeindruckt mich. Denn ihre bisherige Lebenswelt, ihre Sprache, Schrift, Stellung in der Gesellschaft, Wertvorstellungen waren 17 Jahre lang völlig andere. Während ich ihrem Kampf mit der deutschen Sprache verfolge, wächst mein Respekt den Flüchtlingen gegenüber. Denn sie müssen häufig sehr große Schritte machen, um sich in ihr neues Leben einzufinden und sich eine Zukunft aufzubauen. Ava wird das schaffen. Davon bin ich überzeugt. Hoffnung scheint ihr Antrieb zu sein.
„Ja“, höre ich die Skeptiker jetzt sagen, „Ava ist ein einziges Beispiel. Aber es gibt so viele andere, die die Integration verweigern.“ Ich will nicht verleugnen, dass es sicher auch einige gibt, bei denen sich die Integration schwierig gestaltet. Schwierig schon allein deshalb, weil sie teilweise nicht lesen oder schreiben können. Aber nachdem ich Ava gesehen habe, bin ich zuversichtlich.

Arbeit, Sicherheit und Schule für die Kinder - so viel wollen die Flüchtlingsfamilien. 

Auch die syrischen, afghanischen und irakischen Familien, die ich auf meinem Weg entlang der Flüchtlingsroute getroffen habe, wirkten hochmotiviert, sich auf ein Leben in Europa einzulassen. Und ihre Ansprüche an das neue Leben klangen eher bescheiden. „Arbeit, Sicherheit und Schule für die Kinder“, war die Antwort, die ich von den meisten Familien erhielt. Etwas, das für uns so selbstverständlich ist, dass wir über den Wert eines solchen Lebens gar nicht wirklich nachdenken.
Doch für diese Familien sind diese drei Dinge so wichtig, dass sie dafür alles aufgeben.
Ich glaube, wir stellen uns eine Flucht oft ein wenig zu einfach vor. Europa mag für einige das Paradies sein, auf das sie gewartet haben. Aber für die meisten Flüchtlinge dürfte es ein schwerer Schritt gewesen sein, ihre Heimat, ihre Freunde und Familie, ihre Kultur und ihre gewohnte Lebensweise aufzugeben und gegen ein unbekanntes Leben in einem fremden Land einzutauschen. Schon deshalb sind viele Syrer erst einmal nur bis in den Libanon oder die Türkei geflohen. Sie hatten die Hoffnung, schnell zurückkehren zu können.
Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mich samt meinen Kindern von einem Tag auf den anderen mit einem Rucksack, der die Reste meines vorherigen Lebens beinhaltet, auf eine Reise mit unbekanntem Ziel machen. Müsste mich von meinen Eltern und Freunden trennen, ohne zu wissen, ob ich sie je wiedersehe. Und müsste dafür alles, was ich noch besitze, verkaufen… ich hätte einfach nur Angst.
Ich hätte Angst, dass ich es nicht schaffe, die neue Sprache zu lernen, einen Job zu finden, die Balance zwischen meiner Kultur und der des Gastlandes zu finden. Und was mich am meisten umtreiben würde, wäre die Frage: Was passiert, wenn meine Kinder damit nicht glücklich werden? Was machen wir, wenn wir ungewollte Außenseiter bleiben, obwohl wir versuchen, uns zu integrieren?
Die Menschen auf dem Weg wirkten wie Getriebene. Sie schienen die Nächte unter freiem Himmel, das stundenlange Warten im Regen, die Schikanen an den Grenzen, die mangelnde Hygiene oder die Angst in überfüllten Schlauchbotten allein durch Hoffnung bewältigen zu können.
Arbeit, Sicherheit und Schule für die Kinder - so viel wollen die Flüchtlingsfamilien.

Dann sah ich einige bei der Ankunft in Salzburg. Wie sie hörten, die Grenzen in die Schweiz und nach Deutschland seien geschlossen. Man sagte ihnen, es führe kein Zug und kein Bus zu ihren Verwandten.
In dem Moment wich alle Stärke aus ihnen. Es sah aus, als würden diese Menschen, die den ganzen Weg über so stark gewesen waren, in sich zusammenfallen, wie diese kleinen Holzfiguren von früher, die auf einem Podest stehen und in sich zusammenklappen, sobald man von unten den Boden hochdrückt.
Sie taten mir unendlich leid. Ich konnte ihre Verzweiflung spüren. Aber leider nichts weiter für sie tun, als ihnen einen Dolmetscher zu suchen, der ihnen die Lage erklären konnte. Ich konnte ihnen nicht einmal sagen, alles wird gut, weil ich es schlicht nicht weiß.
Das Einzige, das ich von meiner Seite aus versichern konnte war: „Welcome!“ Ich hoffe, dass sich die meisten dem anschließen. Wir stehen keinen Monstern gegenüber, sondern Menschen. Es sind Menschen mit den gleichen Hoffnungen und Ängsten, wie wir sie haben.


Quelle Stern...

4 Kommentare:

  1. Lebe im Ausland und bin umzingelt von Ausländern. Tatá. Auch Deutschland ist umzingelt von Ausländern. Wie viel % Erde ist Deutschland? Gerade in Uruguay haben viele europäische Wurzeln. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir Deutschen sind nicht einfach im Ausland. Integration wird oft nicht vollzogen. Man schaut gerne von Oben herab. Schon auf Mallorca gab es den Spruch an Kneipentüren: " Hier spricht man auch spanisch." Anders sind die Engländer. Sie stürzen sich mit 100% ins Abenteuer und behalten ihre Kultur. Sind die ersten die versuchen die Sprache zu lernen und machen im Kollektiv Wanderungen oder Zeitungen in englisch über das Gastland auf. Da gab es auch deutsche Versionen. Trotzdem hatte der Engländer, nehme das als Sammelbegriff der Inselbewohner, die totale Bereitschaft sich einzugliedern und doch seine eigene Kultur nicht zu vergessen. Fand ich traumhaft. Habe mit ihnen Wanderungen und Veranstaltungen gemacht. Wenn ich eine Frage über Andalusien hatte, fragte ich Engländer. Natürlich gab es auch da Idioten, sind halt Menschen. Aber sie sprühten vor Optimismus. Der Deutsche ist da total anders. Rasen betreten verboten, auf dütsch, in einer Apartmentsiedlung. Fest in deutscher Hand mitten in Andalusien. Die haben spanische Anwohner eine Hausordnung vorgelegt. Ab 22:00 musste Ruhe herrschen. Ok..die lachten sich schlapp, die Polizei die man zu holen versuchte, tranken mit Kollegen in der Tapabar ein freundliches Weinchen. Leben....einfach leben. Da hat der Deutsche arge Probleme., besonders im Ausland. Aber gerade jetzt kommt was hoch, dass ich wunderschön finde. Deutsche, die anders mit Werten umgehen. Parteilose Reker zur ersten Oberbürgermeristerin von Köln gewählt. Viele junge Menschen waren an der Wahl beteiligt. Jetzt erst recht! Lichterkette Berlin. Dann die unendlichen Helferchen ohne denen alles zusammengebrochen wäre. Das macht Mut..

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  2. Ist nicht einfach aber man kann es wirklich schaffen. Bin dabei.LG

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  3. Es ist doch nur im Moment wichtig Menschen zu helfen. Egal was für ein Hintergrund besteht. Da kommen Menschen wie du und ich in eine Notsituation. Der Winter steht vor der Tür. Macht eure Türen auf. Man braucht Zeit um es zu schaffen, aber wir sind das Volk. ...die es schaffen kann.

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  4. Freue mich über solch positive Impulse. Da gibt es im Moment die Zeit der Gewalt. IS ist nur eine Form. Wäre ein Zeichen dagegen zu setzen. Menschen haben einen Wert.Wir sind die Menschen mit Wert. Da stehen sie auf und zeigen Solidarität. Ein gutes Gefühl.

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