Harsche Kritik nach den Tränen, beißender Spott für große Emotionen. Brasiliens Nationalmannschaft geht bei der WM durch ein Stahlbad.
Eure Tränen sind ein Zeichen von Schwäche. Männer weinen nicht!
Hilfe,
die Seleção verkommt zu einer grün-gelben Horde von "Heulsusen" - und
jetzt auch noch das: 1:7 gegen Deutschland. Das musste ja so kommen.
Brasiliens
gefallene Fußball-Stars bekommen ihre Emotionen um die Ohren geschlagen
- von den Medien, von TV-Experten wie Oliver Kahn und auch von einem
Teil der eigenen Fans.
Was für eine Heuchelei! Ich sage: Danke David Luiz, danke Júlio César, danke Neymar.
Für mich sind
es Höhepunkte dieser WM. Wenn die TV-Kamera bei der Hymne die Gesichter
der brasilianischen Profis abfährt und Neymars Tränen der Rührung um die
Welt schickt. Wenn David Luiz die Hymne schmettert, als gebe es kein
Morgen mehr. Wenn Keeper Júlio César im Interview weint und mit bebender
Stimme von Trauer, Glück und vier verdammt schweren Jahren erzählt. Bei
der vergangenen WM hatte César mit einem Fehler das Viertelfinal-Aus
gegen die Niederlande mitverschuldet und avancierte zum Prügelknaben der
Nation. Der Torhüter dachte ernsthaft über das Karriereende nach.
Heute,
vier Jahre später, gehen César und seine Teamkollegen mit einer
Emotionalität durch dieses Turnier wie nie zuvor eine Mannschaft. Das
Entscheidende dabei ist, dass diese Gefühle echt sind. Sie kommen tief
aus ihren Herzen. Die Seleção zeigt genau das, wonach Fußball-Fans
lechzen in einer Ära, in der millionenschwere Legionäre auf Zeit das
Bild in den meisten Top-Vereinen prägen.
Was für ein Kontrast ist da diese brasilianische Auswahl.
Das
Team hat unter unmenschlichem Druck alles versucht und Gefühle vom
Eröffnungsspiel bis heute keinen Tag versteckt. Diese 23 Sportler hatten
nichts weniger vor sich als eine "Mission Impossible". Das Land war und
ist gespalten ob einer WM, die Milliarden verschlungen hat, die etwa in
der Bildungspolitik oder Infrastruktur besser angelegt gewesen wären.
Während
die ranghöchsten Politikerinnen und Politiker in den letzten Wochen
weitestgehend die Öffentlichkeit mieden, stand die Mannschaft im
Rampenlicht und solidarisierte sich mit dem Volk. Ein klares Statement
gegen die soziale Ungerechtigkeit ist das Schmettern der zweiten Strophe
der Hymne, wenn die Musik längst verstummt ist. "Wenn wir im Namen der
Gerechtigkeit dem Kampf uns stellen, wirst Du sehen, dass keiner Deiner
Söhne flieht, und, dass niemand, der Dich liebt, den eigenen Tod
fürchtet", heißt es da.
Die Schultern geben krachend nach
Und
selbstverständlich sollten Neymar und Co. diese vier Wochen
Ausnahmezustand krönen mit der "Hexa Campeão", dem sechsten WM-Titel.
Dies galt natürlich auch noch, als die Gallionsfigur im Viertelfinale
brutal aus dem Turnier getreten wurde.
Im
Halbfinale gaben die Schultern, auf denen die tonnenschwere Last einer
200-Millionen-Nation ruhte, krachend nach. 1:7! Aus der Traum!
Urplötzlich, von einer Sekunde auf die andere, standen wieder die
sozialen Probleme und Missstände des Landes wie Arbeitslosigkeit und
Korruption im Mittelpunkt.
David
Luiz, der eine großartige WM gespielt hatte, stand weinend vor dem
Mikrofon. "Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten. Allen, die so
viel zu leiden haben. Ich möchte mich bei allen Brasilianern
entschuldigen."
David Luiz ist Fußballer. Das Volk um Entschuldigung bitten, das sollten andere tun.
Für mich steht fest: Eure Tränen sind ein Zeichen von Stärke!
Video: Mourinho stellt sich hinter David Luiz

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