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Sonntag, 30. Juli 2017

Stell dir vor, es sind Wahlen - und keiner geht hin


Hat Präsident Maduro eine schwere Schlappe bei der Wahl zur Verfassungsversammlung erlitten? In Caracas blieben viele Wahllokale leer. Regierungsvertreter dagegen posten Fotos von langen Wähler-Schlangen auf dem Land.




SalvadorEs waren die gewalttätigsten politischen Auseinandersetzungen in Venezuela seit langem: 13 Menschen wurden während der Wahl zur Verfassungsversammlung getötet, die die Regierung von Präsident Nicolás Maduro für den gestrigen Sonntag anberaumt hatte. Vor allem in den Provinzen kam es zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen protestierender Opposition und Nationalgarde.
Die Regierung hatte zuvor jede Proteste im Umfeld der Wahlen verboten. Über das Resultat der Wahl versuchten sowohl die Opposition als auch die Regierung schon lange vor der Schließung der Wahllokale jeweils ihre Interpretation durchzusetzen: Den ganzen Sonntag über veröffentlichten die der Opposition nahestehenden Medien Fotos von leeren oder kaum besuchten Wahllokalen in der Hauptstadt.



Maduro drohte unverhohlen den Wählern

Regierungsvertreter dagegen posteten – weit weniger –Aufnahmen und Videos von angeblichen Schlangen wartender Wähler. Dennoch deutet viel darauf hin, dass die Wahlbeteiligung für die Regierung peinlich schwach ausgefallen sein könnte: Präsident Maduro rief den ganzen Tag in Live-Schalten die Wähler dazu auf, ihrer Pflicht nachzukommen.
Maduro hatte bereits zuvor verkündet, dass die 4,5 Millionen Staatsbedienstete wählen müssten sowie alle diejenigen, die Lebensmittelbezugsscheine haben – wenn sie nicht ihre Jobs und Privilegien verlieren wollten. „Wir werden für immer erkennen können, ob du heute gewählt hast“, drohte er unverhohlen in den TV-Wahlschalten. Die Opposition warnt davor, dass die Regierung die Abstimmung massiv fälschen könnte.



Bei der Wahl geht es vordergründig nicht um das Ergebnis, also welcher Kandidat zur Verfassungsversammlung gewählt wird. Entscheidend für die Opposition ist die Zahl der Wähler. Präsident Maduro muss heute mehr Stimmen zur Verfassungsversammlung bekommen, als die 7,5 Millionen Stimmen, welche die Opposition vor einer Woche nach eigenen Angaben bei einem symbolischen Plebiszit eingesammelt hat.
Die Opposition hatte zum Boykott der Wahlen aufgerufen, weil sie, genauso wie viele Anhänger des 2013 verstorbenen Maduro-Vorgängers Hugo Chávez stört, dass beim Plebiszit schon vorher feststeht, wer gewählt werden darf. Aus jedem der 340 Gemeinden Venezuelas wird genau ein Kandidat gewählt, wodurch das von der Regierung kontrollierte dünnbesiedelte Landesinnere gegenüber den Städten überrepräsentiert wird. Dort leben die meisten der 32 Millionen Venezolaner. Dort dominiert die Opposition.



Zudem werden ein Drittel der Abgeordneten direkt von Gewerkschaften und sozialen Gruppen entsandt, welche die Regierung ausgewählt hat.
Julio Borges, der Präsident des von der Opposition dominierten Kongresses, erklärte, dass maximal zwei Millionen Wähler dem Aufruf der Regierung gefolgt seien. Auch unabhängige Beobachter wie das Institut Datanalisis schätzen, dass nur 15 Prozent der Wähler, also knapp drei Millionen Berechtigte zu den Urnen gegangen sind.


Wachsender internationaler Druck

Präsident Maduro will die Verfassung ändern, um den Kongress sowie die Staatsanwaltschaft zu entmachten, wo sich die Opposition gegen sein Regime konzentriert – das hat er mehrfach öffentlich erklärt. Auch will er den Abgeordneten die Immunität entziehen, um sie vor Sondergerichten wegen Verbrechen gegen den Staat zu verurteilen. Ebenso könnte er mit der Verfassungsversammlung den anstehenden Wahltermin im nächsten Jahr aufschieben.
Bei freien Wahlen hätte der unbeliebte Präsident keine Chancen. So tief hat er das Land er in nur drei Jahren in die Rezession und politisches Chaos geritten. Um ein Drittel ist die Wirtschaft seit 2013 geschrumpft. Die Mehrheit der Bevölkerung hat zu wenig zu essen. Es gibt kaum noch Medikamente. Krankheiten wie Diphtherie und Malaria grassieren wieder.


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Neu ist der wachsende internationale Druck gegen Maduro. Bisher konnte er vermeiden, dass sich im Ausland eine Front gegen ihn bildet. Doch nun haben die EU wie die USA angekündigt, Sanktionen zu verhängen, falls Maduro nicht einlenke. Die Vermögen von 13 Vertrauten Maduros wurden noch kurz vor dem Plebiszit in den USA beschlagnahmt. In den Medien erschienen Dokumente nach denen Maduros Vize Tareck El Aissami in den USA Vermögen von 500 Millionen Dollar besitzen soll. Der Vize-Präsident Venezuelas wird von den USA schon länger beschuldigt, Chef eines Drogenkartells zu sein.


Wie es in Venezuela weiter gehen wird, ist nebulös: In Caracas kursieren Gerüchte, dass hinter den Kulissen bereits zwischen Militärs, der Opposition sowie abtrünnigen Regierungsmitgliedern über eine Ablösung Maduros verhandelt wird. Als ein Indiz dafür, dass die Militärs einen Machtwechsel unterstützten könnten, wird gewertet, dass Verteidigungsminister Vladimir Padrino López nicht von den USA abgestraft wurde. Dadurch ständen die Türen offen, für eine Beteiligung der Militärs an einer neuen Regierung.
Dennoch scheint es momentan noch wahrscheinlicher, dass sich Maduro weiterhin mit Hilfe Russlands, Kubas und Chinas an der Macht halten wird. Derzeit seien das Risiko für Maduro und seine regierende Clique zu groß, die Macht abzugeben, sagt Luis Vicente Leon, einer der führenden Politexperten Venezuelas. „Erst wenn Maduro Straffreiheit oder ein Exil zugsichert bekommt, könnte ein Machtwechsel möglich werden.“

Das  Handelsblatt

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