Mittwoch, 10. Juli 2013
Einige Mythen die sich hartnäckig halten
Milch fördert Osteoporose, Impfen kann Autismus auslösen – ?!
Kindern kann man vieles erzählen. Etwa, dass Lesen unter der Bettdecke blind macht. Oder dass Kaugummi den Magen verklebt. Wir Erwachsenen sind da längst nicht so gutgläubig. Sollte man meinen. In Wirklichkeit fallen selbst Dreißigjährige gelegentlich auf Gesundheitsmärchen herein. Und fürchten so, dass heimisches Obst und Gemüse wegen Überdüngung viele Nährstoffe verloren hat. Oder dass das Deo Brustkrebs erzeugt. Nur sind es nicht mehr die Eltern, die uns solche Schwindeleien auftischen – sondern das Internet. Bestimmte Gesundheitsmythen breiten sich über Dutzende von Websites aus und geistern jahrelang durch Foren und E-Mails. Der Grund? Manchmal stecken kommerzielle Absichten dahinter, manchmal alte und längst widerlegte Studien oder übertriebene Skepsis vor neuen Technologien. Hier die meistverbreiteten Internet-Gesundheitsmythen...
Mit der Max-Planck-Diät schmelzen die Kilos im Nu
Woher stammt die Behauptung? Niemand weiß, wer die Diät erfunden hat, die auf eine eiweißlastige Ernährung mit viel Fleisch, Eiern und etwas Salat und Gemüse setzt. Sie geistert per EMail durchs Netz.
Reality-Check: Die versprochenen 9 Kilo Gewichtsverlust binnen 14 Tagen sind laut Stiftung Warentest mit dem Internet-Wochenplan ebenso wenig zu schaffen wie mit einer anderen Diät. Experten kritisieren zudem, dass die Abnehmkur einseitig auf Eiweiß setzt und den Jo-Jo-Effekt fördert. Das renommierte Max-Planck Institut hat übrigens nichts mit der Diät zu tun, im Gegenteil, es rät sogar ausdrücklich von ihr ab.
Rohkost ist für den Körper am besten
Woher stammt die Behauptung? Die Idee, dass ungekochte Mahlzeiten gesünder sind, entstand bereits um 1900. Heute werben verschiedene Ableger der Rohkostbewegung (z. B. "Urkost", "Sonnenkost") im Internet für ihre Ernährungsform.
Reality-Check: Tatsächlich enthält frisches Gemüse, das keinen Kochtopf gesehen hat, oft mehr Enzyme, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe. Dennoch raten Experten davon ab, sich überwiegend von Ungekochtem zu ernähren. Diese Ernährungsweise fördert laut einer Studie der Uni Gießen Untergewicht, Ausbleiben der Menstruation oder einen Mangel an Kalzium und Zink. Kein Wunder: Etliche Lebensmittel (z. B. Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Reis) werden überhaupt erst durch Kochen für den Körper verdaulich, nur dadurch kann er die Vitamine aufnehmen. Ab und zu Rohkost ist also gesund, als Dauerlösung schadet sie eher.
Äpfel enthalten weniger Vitamine als früher
Woher stammt die Behauptung? Ernährungswissenschaftler des Schwarzwald-Sanatoriums Obertal ermittelten in den 90er-Jahren den Vitamin- und Mineralstoffgehalt verschiedener Obst- und Gemüsesorten. Beim Vergleich mit einer Nährstofftabelle aus den 80ern zeigte sich, dass Äpfel, Brokkoli, Fenchel, Spinat oder Erdbeeren drastisch weniger Vitalstoffe enthielten. Anbieter von Vitaminpillen, Afa-Algen oder Weizengrassaft verbreiten diese Botschaft seither im Internet weiter.
Reality-Check: Die Schwarzwald-Forscher übersahen, dass der Vitamin-C-Gehalt im Obst je nach Boden, Sonnenstunden und Erntezeitpunkt locker um 70 Prozent schwankt. Bei manchen Apfelsorten kann die Differenz sogar 350 Prozent betragen. Das fand die Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe beim Vergleich von 14 Apfelsorten heraus. Wer seriöse Vergleiche anstellen will, muss über Jahre hinweg viele Proben analysieren, damit sein Ergebnis nicht von natürlichen Schwankungen verfälscht wird. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung getan – das Ergebnis: Obst und Gemüse enthalten seit den 60er-Jahren unverändert viele Vitamine und Mineralstoffe.
Sich "schlau hören"? Geht das?
Mozart hören macht Babys schlauer
Woher stammt die Behauptung? Sie wird häufig in Internetforen diskutiert, in denen sich Schwangere und junge Mütter austauschen.
Reality-Check: Der Mythos, dass klassische Musik die Gehirnentwicklung fördert, geht auf ein Experiment zurück, das die USPsychologin Frances Rauscher 1993 anstellte. Studenten, die eine Klaviersonate von Mozart hörten, konnten Denkaufgaben anschließend besser lösen. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass die "Kleine Nachtmusik" den kindlichen IQ fördert. Der Mozart-Effekt hält nämlich selbst bei Erwachsenen nur 30 Minuten an und beschränkt sich auf räumlich-visuelle Aufgaben. Immerhin: Wenn Kinder selbst musizieren, regt das nachweislich ihr Gehirn an. Die schulischen Leistungen bessern sich wirklich, der IQ steigt einer Studie zufolge um drei Punkte.
Bei weißen Flecken auf den Nägeln fehlt Kalzium
Woher stammt die Behauptung? Schwer zu sagen, wer die Theorie in die Welt gesetzt hat. Sie wird jedenfalls beharrlich auf Dutzenden von Ratgeberseiten im Web verbreitet.
Reality-Check: Hinter den weißen Pünktchen stecken kleine Verletzungen des Nagelbetts. Sie kommen zustande, wenn das Nagelhäutchen durch häufigen Kontakt mit Seife oder Geschirrspüler seine Schutzfunktion verliert. Dann führt bereits ein harmloser Stoß dazu, dass sich in den darunterliegenden Hornschichten kleinste Lufteinschlüsse bilden. Dieser Webfehler wächst im Lauf mehrerer Monate mit dem Nagel heraus. Mit Kalziummangel haben die hellen Flecken also nichts zu tun.
Milch ist ungesund, sie führt zu Osteoporose
Woher stammt die Behauptung? Sie basiert auf der Beobachtung, dass Asia-tinnen – die selten Milch trinken oder Käse essen – stärkere Knochen besitzen als Europäerinnen, die Milchprodukte konsumieren. Diesen Umstand nehmen Milchgegner wie die Tierschutzorganisation Peta zum Anlass, um im Internet vor Kuhmilch zu warnen.
Reality Check: Alle namhaften Osteoporose-Spezialisten sind sich darin einig, dass Milch die Knochen kräftigt – vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellen Milchprodukte sogar die wichtigste Quelle für das Skelettmineral Kalzium dar. Allerdings ist der Stoff allein kein Garant für feste Knochen. Mindestens ebenso wichtig: viel Bewegung und ausreichend Vitamin D, das bei Sonnenlicht vom Körper selbst gebildet wird. Letztendlich sind es nämlich diese beiden Faktoren, die die Knochen der Asia- tinnen so stark machen!
Impfen kann bei Kindern Autismus auslösen
Woher stammt die Behauptung? Sie beruht auf einer Untersuchung an zwölf britischen Kindern, die das angesehene Medizinjournal "The Lancet" 1998 veröffentlichte. Der Artikel deutete an, dass die Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) das Risiko für Autismus erhöhe. Diese Horrornachricht hat Millionen Eltern verschreckt und wird seitdem auf den Internetseiten von Impfgegner weiterverbreitet.
Reality-Check: Gott sei Dank ist der verstörende Verdacht unbegründet. Nachforschungen zeigten, dass die untersuchten Kinder größtenteils schon vor der Impfung erkrankt waren. Zudem verfolgte der britische Arzt Andrew Wakefield, der die Mini-Studie betrieb, kommerzielle Absichten: Er hatte zuvor einen eigenen, "sicheren" Masernimpfstoff patentieren lassen. Mittlerweile hat Wakefield seine Zulassung als Arzt wegen "unethischer Methoden" verloren. Im vergangenen Jahr hat sich "The Lancet" auch offiziell von der umstrittenen Autismus-Studie distanziert. Entwarnung auf ganzer Linie!
So erkennt man gute Gesundheitsseiten im Netz
1 Checken Sie bei unbekannten Sites das Impressum! Es verrät, wer die Auskünfte online gestellt hat, z. B. ein Arzt, eine Pharmafirma oder eine Universität. Dieses Wissen hilft, die Information einzuordnen.
2 Vertrauenswürdig sind die Seiten von Institutionen, die auch jenseits des Internets auftreten – wie ärztliche Fachgesellschaften, Krankenkassen oder Selbsthilfevereinigungen. Oft leitet sich die Webadresse aus dem Namen ab (z. B. krebshilfe.de).
3 Ein Siegel namens HON-Code ("Health On the Net") auf der Seite garantiert, dass der Anbieter Qualitätsmerkmale einhält. Vergleichen Sie stets mehrere Seiten zu einem Thema. So können Sie unseriöse Heilsversprechen und riskante Therapien am ehesten erkennen.
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