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Donnerstag, 16. Mai 2013

Reisebericht, Uruguay.

Juli 2007


Die letzten Minuten im alten Europa glühten in gleißender Sommerhitze. Extreme Temperaturen in Andalusien ließen mein Top am Körper kleben, gepaart mit der Angst alle sechs Tiere rechtzeitig in die Transport- Boxen zu bekommen. Wir hatten die vier Katzen schon einen Tag vorher ins Schlafzimmer mit Gambas gelockt. Die Kisten standen zufällig in der Gegend herum. Unschuldig luden sie zur Reise auf die andere Seite der Welt in den Winter ein. Schwere Rollos wurden runter gelassen, die das Tageslicht nur durch Lüftungsschlitze durch ließen. Unsere Samtpfoten drückten sich an die Wand und waren äußerst misstrauisch. In diesem Moment war ich total unsicher ob wir das Richtige taten. Wir sind vorher alle Möglichkeiten durchgegangen und hatten keine Alternative gefunden. Unsere beiden Hunde waren irritiert, dass das abendliche Katzenscheuchen ausfiel. Müde fuhren wir nochmal ins Dorf zur letzten Verabschiedung. Als wir zurück kamen lief uns eine schwarze Katze mit weißen Pfoten über den Weg. Sie sah aus wie Gamasche. Es war Gamasche! Unsere Dumpfbacke rannte freudig auf uns zu und mauzte: “Hier bin ich. Huhu..hier!” Unsere Gesichtszüge müssen uns total entglitten sein. Wie auf Kommando rannten wir zum Schlafzimmer und waren auf alles gefasst. Aber wir fanden nur drei missgelaunte Katzen vor. Wir konnten nicht entdecken wie und wo es Gamasche geschafft hatte, die frische Abendluft zu genießen. Dieses kleine Biest musste sich unter dem Rollo durch gequetscht haben. Zum Glück das Katzenvieh, das uns freudig hinter herlief. Denn der schwarze Teufel Filou blieb oft zwei Tage fort und der dicke, grauweiße Philosoph Idefix verträumte Tag und Nacht an einem schönen Platz in der freien Natur. Wir lachten erleichtert auf, schlossen die Fenster und verteilten an allen Tieren großzügig Gambas zum Knautschen. Was sollte noch passieren?



Der nächste Morgen, die letzte Fütterung. Die Katzen vermittelten mir einen Blitzkurs: WIE BEHANDLE ICH FREIGÄNGERKATZEN NICHT! Das Katzenstreu war überall nur nicht mehr in dem Katzenklo. Der Geruch auf Grund der verschlossenen Fenster war eher unangenehm. Und in 2 Stunden sollten die neuen Besitzer kommen. “ Ganz ruhig”, brummelte ich vor mich hin. Mein prüfender Blick auf die ausgebesserten Wände, beruhigte mich wieder. Wir hatten jedes Loch fein säuberlich verspachtelt und überstrichen. Also würde ich das mit dem Raubtiergeruch auch schaffen. Und schon lief ich mit dem Parfüm meines Mannes sprühend durch das Schlafzimmer. Der war gerade mit dem letzten Frühstück für Menschen beschäftigt. Ich hörte ein tiefes sattes Bellen. Sunnyhund, unser Baby, sauste nach draußen zum großen Goldenredriverfreund. Ach wie süß! Ich rief irgendwas lächerliches hinterher, wie, bleib nicht so lange, das Flugzeug wartet nicht. Aber Sunny war nicht mehr gesehen. Sunny war auch nach einer halben Stunde noch nicht zu sehen. Leichte Panik durch flatterte mich. Ich schrie ihren Namen ins Tal und da war nichts beigefarbenes. Weder Sunny noch der Freund. Plan 2 wurde hektisch entworfen. Was ,wenn der Zwerg nicht rechtzeitig zurück wäre???? Eine Stunde später kam die Kleene hechelnd zurück und sprang fast in den Wassernapf. Wir hatten nicht mal Zeit zum Schimpfen. Waren einfach nur froh, dass sie da war.
Der letzte Moment war gekommen. Die neuen Besitzer grinsten schon ungeduldig und einer der Nachbarn bot sich zum Eintopfen der Katzen an. Alles war vorbereitet. Die Hunde und das Gepäck befanden sich schon im Auto. In der Handtasche die teuren Tier-Europässe. Alle Auflagen waren erfüllt. Chips, Impfungen gegen Tollwut und für die Hunde noch eine zusätzliche Injektion gegen Parasiten.
Nun gingen wir zu dritt mutig ins Zimmer um unsere Schmusekätzchen in die Käfige zu loben. Idefix lag schon im Einzel-Luxus-Korb und glotzte nur irritiert als wir die Tür verschlossen. Vielleicht hatten wir ihn in einem wichtigen Gedankengang gestört. Gamasche war leicht zu überreden .Schnurren, lieb haben, schönes Spiel. Tigger sah überhaupt nicht ein, was er in der Dunkelkammer sollte. Dumpfbacke langweilte sich beim verzweifelten Einfangen von Filou und kletterte wieder raus. Doofes Spiel, lag in den gelben Augen. Wir begriffen schlagartig den Fehler, drei Katzen in einen großen Käfig unterzubringen. Wir wollten die Drillinge nicht trennen. Nun wehrten sich die Katzen und bekamen langsam die nackte Panik. Ich griff mir meinen Liebling Filou und wurde von den Krallen tief am rechten Unterarm verletzt. Mein Mann schrie auf und ich sah wie sich Blut ins Gewebe von seinem Hemd saugte. Die Drillinge sprangen in Richtung Fenster. Bei dem Versuch Tigger zu überreden wurde nun auch der Nachbar verletzt. Nun half nur strengstes Durchgreifen. Einer hielt die Kiste, einer trieb das Tier in die Enge und einer griff sich das Kerlchen und ab in die Tonne. Tigger, fauchte wie ein Raubtier und war zu allem entschlossen. Irgendwann klackte der Verschluss der Käfig-Tür. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel, sand den Hilferuf einer Dusche, aber die Zeit drängte. Dann sah ich mich um. Blutspuren! Überall! Kratzspuren an den Wänden. Tiefe Rillen unter dem Fenster, die nach Totalrenovierung, mit viel Spachtelmasse, aussahen. Nun hatte ich echte Panik. In meiner Hilflosigkeit schnappte ich mir einen Haushaltsschwamm und versuchte die Spuren notdürftig zu beseitigen. Und zwar mit dem linken Arm, da mein rechter weiterhin tropfte. Ich verteilte nur das Blut und rieb es in die Wand ein. Irgendwie musste ich die sinnlose Tätigkeit beenden und verabschiedete mich fluchtartig bei den neuen Besitzern, die immer noch freundlich grinsten. “ Viel Freude im neuen Heim...eh.”stammelte ich und TSCHÜSS!
Die beengte Fahrt konnte beginnen. Im Auto waren neben der Gepäckstücke 4 Transportkisten und zwei Hunde, die noch einen Hauch von Freiheit spürten. Floh drückte sich elegant wie immer auf meinen Schoß und Sunny versuchte auch ein Teil meines Beines zu erwischen. Zum letzten Mal das Ritual, bis zum Bauern auf dem Schoß, dann nach hinten. Auf meiner Hose war eine Blutspur. Aber sie kam nicht von meinem Arm. Es war Sunny!
Wie fühlt man sich, wenn man der großen Hündin Floh eine 30€ teure Spritze geben lässt, damit man nicht mit einer läufigen Hündin in Uruguay ankommt? Sunny, gerade 8Monate alt, das Baby,,,,nun vielleicht Mama und läufig. Mein Spagettitop klatschte triefend im Faltenwurf an meinen Körper.

Am Flughafen verlief alles bestens. Sage noch mal irgend jemand etwas gegen die Airline Iberia! Sie kümmerten sich als erstes um die Tiere. Ich fuchtelte mit sechs blauen Tierpässen herum. Aber es interessierte keinen. Sie erklärten uns wo die Tiere untergebracht werden. Nachdem sie gewogen wurden, bezahlte mein Mann 22€ pro Kilo und war um einiges Geld leichter. Nun stand dem Transport nichts mehr im Wege. Die Katzen brauchten nicht nochmal den Käfig zu verlassen, sie wurden mit durchleuchtet. Das blutige Hemd meines Mannes reichte an Überzeugungskraft. Die Tatsache, dass ich alleine mit den Zoo nach Uruguay fliegen wollte, machte viele Helferchen mobil. Das Wasser für die Tiere wurde aufgefüllt, die rollenden Räder abmontiert, Zettel wo OBEN ist aufgeklebt und Zeichen von Tieren hinzugefügt. Nun konnte man das lustige Ratespiel beginnen, mit was hatte der Inhalt der Boxen Ähnlichkeiten? Sah es wie ein Fisch aus oder eher wie ein Vogel? Viel Zeit hatten wir nicht für das Vergnügen, denn eine Kiste nach der anderen rollte uns aus den Augen. In meinem Magen machte sich ein Klos breit. Die Papiere immer noch ungesehen in der Hand.
Ich musste dringend auf die Toilette.
Währenddessen gab mein Mann für mich das Gepäck auf. Fast taufrisch kam ich zurück und wir konnten in Ruhe Abschied nehmen. War ja nur für 14 Tage. Einer musste nach Deutschland um einiges für unsere Zukunft zu regeln. Wir wollten den Tieren nicht noch mehr zumuten und entschlossen uns zu trennen. Auf einmal war die Idee gar nicht mehr so gut. Zweifel krochen hoch. Bewaffnet mit einem Leptop und einer schweren Handtasche machte ich mich auf den Weg. Mir fehlte die grüne Reisetasche. Die hatte mein Mann in seiner unendlichen Fürsorge auch aufgegeben, damit ich nicht so viel zu schleppen hätte. Nun stand ich da mit einem mehrfach durchschwitzten Top und flog in den Winter. Denn Shirt, Pullover und Jacke befanden sich in der Reisetasche. “Lass dir eine zweite Decke geben”, schrie meine zweite Hälfte nach. Dann verlor sich der Blickkontakt und ich fühlte mich in der Menschenmenge unendlich einsam.

Madrid der Umsteigeflughafen für ganz “Fitte”. Man läuft treppauf, treppab. Fährt mit gläsernen Fahrstühlen und landet in einer Schwebebahn. Dann kann man Laufbänder benutzen. Und wieder läuft man den Schildern nach die zu S 29 führen. Verzweifelt musste ich feststellen, dass alle Geschäfte schon geschlossen hatten. Weder konnte ich für Norbert den geliebten Tabak besorgen noch mir irgendeinen Pullover kaufen. Hohnvoll verspotteten mich die Spezialauslagen für Textilien und Tabak. In der Not hätte ich sogar einen Fummel von La Kotze genommen. Nada.
Im Flieger war es noch warm. Viele liefen so wie ich rum. Also versuchte ich mich zu entspannen und den Fensterplatz zu genießen. Allerdings schränkte Die Dunkelheit der Nacht den Genuss etwas ein. Da niemand mir versichern konnte ob der Zoo auch die Fitnessstrecke geschafft hatte, war meine Stimmung nicht gerade auf dem Höhepunkt. Alles wird gut.
Ich packte die Iberiadecke aus und schlüpfte in die Socken und stopfte mir das Kopfkissen in den Nacken. Nichts unterschied mich von den anderen Fluggästen. Nach der qualvollen Wahl zwischen Huhn und Pasta versuchte ich zu schlafen. Meine Gedanken waren bei den Tieren. Ein unsanftes Rütteln weckte mich. Turbulenzen! Stundenlang mussten wir angeschnallt bleiben und der Weg zur Toilette war unerreichbar. Meine Gedanken waren nun nur noch bei den Tieren. Irgendwann ging die Rüttelkiste runter. Alle zogen sich Pullover und Jacken an. Nur ich glotzte angestrengt im Sommertop aus den Fenster und überhörte die winterlichen Temperaturen von Uruguay. Heftige Geschäftigkeit kündigte die Ankunft an. Ich zog mir die Iberiadecke über die Schultern und stapfte tapfer in die Kälte. Die irritieren Blicke der Mitreisenden übersah ich und versuchte mit einem Rest von Würde durchzukommen. Wieder musste man Papiere ausfüllen, aber alles ging schnell. Im Dutyfreeshop fand ich auch nicht den Tabak und für einen Pullover war es jetzt zu spät, da meine Reisetasche bestimmt schon auf dem Rollband sich befand. Als erstes sah ich die Tierboxen. Kurz musste ich an Terry denken, die auch bald mit ihrem Wuff nach Uruguay kommt. Gut das sie mich so nicht sehen konnte. Ein Sicherheitsmann sprach mich mit meinen Namen an. Miguel hatte alles organisiert. Floh zitterte, aber freute sich mich zu sehen. Im ersten Impuls wollte ich sie mit der Iberiadecke einwickeln. Lies es aber, da schon einige Menschen mich irritiert ansahen. Sunny hüpfte so gut sie konnte und peitschte mit dem Schwanz. Nur die Katzen sahen mich an als hätte ich einen an der Waffel. Vielleicht waren sie auch die einzigen, die sahen, das ich nur mit einer geklauten Decke bekleidet war. Eine Dame fragte mich nach den Papieren. Ich zeigte ihr alles an Nummern für die Boxen und es dauerte lange bis sie begriff, dass ich die Besitzerin aller Tiere war und ich brauchte eine Ewigkeit zu kapieren, dass endlich die Tierpässe verlangt wurden. Fast glücklich drückte ich ihr alle sechs Pappen in die Hand und suchte mein Gepäck. Wieder nada.
Als schon fast alle weg waren und der Letzte mein Outfit genossen hatte, tauchte mein Gepäck in der Sonderkontrolle auf. Vielleicht suchten sie nah Tierfutter. Ich suchte nach meiner Jacke und konnte
Fatma, Miguel und Walter ohne der Decke begrüßen, die nicht nur Futter sondern auch Katzenstreu mitgebracht hatten. Am liebsten hätte ich geheult. Die vertrauten Gesichter beruhigten mich sehr. Walter stopfte alles an Tieren in sein Auto und Miguel uns Frauen. Mein Blick galt nun wirklich Uruguay. Nichts hatte sich verändert. Leise schlich sich eine Freude in mein Herz. Der Weg führte nach Atlántida. Viel zu schnell verschwanden die Freunde wieder. Da sass ich mit meinem Zoo. Irgendwie hatte ich mir den Neuanfang anders vorgestellt. Mein Blick fiel auf die beige-graue Iberiadecke. Alles wird gut.


2.

Als erstes wollte ich mit den Hunden spazieren gehen. Doch vorher richtete ich den Katzen ein kleines Zimmer ein. Das Katzenklo war trotz Turbulenzen heile angekommen. Futternäpfchen wurden aus dem Schrank des Appartements missbraucht, aus denen sonst menschliche Mäuler schmatzten. Stellte zwei Nachtischschüssel auf die Einkaufsliste. Nur zögernd kamen die Stubentiger aus den Kisten. Die Glasschüsselchen mit den Köstlichkeiten wurden ignoriert. Katzenklo? Schon wieder dieser Unsinn von Plastikschale mit Krümeln? Vernichtende Blicke trafen mich. Diskret zog ich mich zurück und verdrückte mich mit den Hunden.
Nach unbeholfenem Gefummel mit dem Messinghausschlüssel, schritten wir durch den üppigen Vorgarten. Ca. 10 m³ für jeden Hund. Schwungvoll öffnete ich das kniehohe Holzgatter und wir machten die ersten Schritte ins neue Leben. Nach etwa aufregenden zweiundzwanzig Zentimetern tauchten drei große Hunde auf.
Sie hatten Sunnys Duftnote gewittert. Einer schöner, als der andere. “Super, Sexi- Frischfleisch, hola, wie wärs mit einem Tango?”, tänzelte ihre Körpersprache. Diplomatisch setzte ich zum Rückzug an, das eher an eine Flucht erinnerte. Sunny rutsche am anderen Ende der Leine am Boden entlang, fest ihren Hintern nach unten gedrückt. Vielleicht sehr schicklich und spanisch/katholisch, aber es reduzierte die Rückzuggeschwindigkeit. Floh machte einen beleidigten Eindruck, da keiner was von ihr wollte. Da konnte sie noch so mit dem Hinterteil wackeln. Alle Augen schmachteten Sunny an. Unwillkürlich musste ich an die Spritze gegen Läufigkeit denken und stellte mir vor gleich zwei Pobacken-Bremsen ins Haus zu ziehen. Gott sei Dank war das Holztürchen vorhanden, denn nun bekam ich die Haustür mit dem ulkigen Doppelbartschlüssel gar nicht mehr auf. Aber irgendwie schaffte ich es dann doch. Als die Hunde enttäuscht abgezottelt waren, lies ich meine beiden wieder in den Vorpark. Stundenlanger Stau durchtränkte den Rasen. Ich hoffte nur, das der Vermieter nicht gerade auftauchte.
Ich setzte “Tierarzt” auf meine Liste.
Der war schnell gefunden. Mario , mit Titel und einem endlosen Namen, machte gleich einen OP-Termin, da die Zeit drängte. Schon nach 15 Tagen bringt man das Muttertier in Gefahr. Ich sah mir die Kleene an und bezweifelte das Mutterglück. Währenddessen erklärte der Onkel Doktor was er alles rausnimmt, damit ich keine Vierpfoten-Oma würde. Unterstützt von Bildern aus einem schlauen Buch. Sunny glotzte ihn schwanzwedelnd an und fand das alles lustig. Noch!!!!
Während der Operation lief ich mit Floh am Strand. Wir waren ganz alleine. Nur Möwen gesellten sich zu uns. Das Wasser hatte ein dunkles Blau und sanfte Wellen schaukelten uns entgegen.
Nach 1 1/2 Std. hatte Sunny es überstanden. Mario war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Er nahm ein feuchtes Tuch und benetzte damit Sunnys Maul. Winkte mich zum Tisch und nahm triumphierend ein Küchenpapier hoch. Stolz zeigte er mir die kompletten Eileiter, die er kunstvoll wie im medizinischen Buch arrangiert hatte. Na Super! Gut das mein Biber nicht gerade anwesend war, der wäre glatt aus den Pantoffeln geflogen. Immer noch strahlend schnitt er mit dem Skalpell in Blutgefäße und meinte Sunny wäre wohl schwanger gewesen. Er schlug die Exmami in eine Decke und schleppte sie zum Auto. Und zwar in seins, da ich noch keins hatte. Im Haus machte er ein Nest vor dem Eisenofen für Sunny, heftete ein Magnetschild mit seiner Telefonnummer an den Kühlschrank und bat mich jederzeit anzurufen. War schon sehr beruhigend einen Medico Veterinario Dr. Mario C. Fernández Varón kennen gelernt zu haben. Am Abend rief er noch mal an ob alles in Ordnung wäre. Es war alles in Ordnung. Noch!

Atlántida....

Atlántida hat im Winter ca. 3001 Einwohner und eine menge Hunde. Im Sommer tummeln sich bis zu 20 000 Menschen in der Kleinstadt mit Dorfcharakter herum und vielleicht noch mehr Hunde, die auf touristische Leckerbissen hoffen. Solange keine Touristen zu Leckerbissen werden ist das eine gute Allianz. Kilometerlange Sandstrände laden zum Naturerlebnis ein. Playa Mansa zeichnet sich durch ruhigen Wellengang aus. Aber auch die es heftiger mögen kommen am Playa Brava auf ihre Kosten. Hier geht es etwas stürmischer zu. Wenn die Tage heiß sind, ist der Rio de la Plata eine riesige Badewanne für die ganze Familie. Aber ich bin hier im Winter zum ersten Mal angekommen und mache endlose Sparziergänge mit meinen Hunden. Die Strände sind fast menschenleer. Vereinzelt sieht man Angler oder Paragleiter. Bestimmte Strandabschnitte sind Anglern und Hunden zugeteilt. Leider, oder Gott sei Dank, können die wilden Hunde nicht lesen. Wobei das Wort wild mir auch nicht schmeckt. Ich werde sie freie Hunde nennen. Sie sehen alle gut genährt aus und dösen oft am Strand in der Sonne. Man hat nicht das Gefühl, dass sie mit den Stubenhockern oder biologischen Alarmanlagen tauschen wollen. Je nach Windrichtung ist das Wasser schlammfarbig. Sonst hat es ein dunkles Blau. Erst bei Punta del Este, dem größten Badeort, geht der Fluss in den Atlantik über. Die Luft ist in Atlántida nicht so salzhaltig wie an der Atlantikküste und auch das Strandgut ist anders. Der dritt wichtigste Badeort von Uruguay wird selbst im Winter aus dem 45km entfernten Montevideo besucht. Jetzt wartet man auf den “Kleinen Sommer”. Dann sind mitten im Winter für 14 Tage sommerliche Temperaturen. Ich warte auch darauf. Noch schnattere ich am Morgen und versuche den alten Eisenofen in Gang zu bringen. Eine kleine Öffnung mit unstillbaren Hunger. Würde mich interessieren wie viele Bäume er schon platt gemacht hat. Stelle dann mittags fest, das ich viel zu warm angezogen bin und ziehe mir am Abend dreifach Socken an und streite mich mit den Tieren um die Wolldecken.
In diesem Jahr trifft man sich bei Don Vito. Es gibt einige Restaurants, die durchhalten, aber nur bei Don Vito ist wirklich was los. Dann gibt es noch ein lockeres Treffen für Deutschsprachige im Hotel Piroska. Da geht es sicher nicht nur um den wundervollen Kuchen, obwohl ich mich persönlich in den Käsekuchen rein knien könnte, sondern um Interessenaustausch. Eine schöne Wochenendeinrichtung im Salon de Té. Wenn man die geschlossenen Eisdielen und Getränkebuden sieht, bekommt man eine Ahnung, wie es im Sommer brummt. Aber Atlántida lebt im Winter. Man bekommt alles. Besonders gerne gehe ich auf den Wochenmarkt. Ich möchte mich durch die Stände probieren. Die frische Butter ist gewöhnungsbedürftig. Kaum ein Unterschied zum Käse Colonia. Der Käse schmeckt nach Butter und die Butter nach Käse. Aber keine Sorge, ich stehe noch am Anfang einer umfangreichen Versuchsreihe. Die Butter im Supermarkt ist lecker. Vielleicht muss man sich nur auf den eigenen uruguayischen Milchgeschmack einlassen. Dagegen sind die Eier ein Genuss.
Wohnen kann man überall in jeder Preislage. Für Langzeitmieter gibt es Jahresverträge zu vernünftigen Angeboten. Denn in der Saison ist es sehr teuer. Da verdient der Eigentümer in zwei bis drei Monaten eine Jahresmiete. Auch das Kaufangebot ist sehr groß. Hier muss man sich alles selber anschauen. So verschieden die Bau-Stile sind, so verschieden sind die Preisvorstellungen. Es scheint auch keiner eilig zu haben mit dem Verkauf, da man ja immer noch vermieten kann. Sehr oft kann man lesen: VENDO O ALQUILO. Interessant ist auch, das innerhalb der Saison alles an Immobilien teurer wird. Also sollte man im Winter kaufen.
Man kann im Laufe der Zeit noch viel über den Ort schreiben, der mit Casa del Águila anfängt, dem Adlerkopf und der Kirche Nuestra Senora de Lordes aufhört. Ich freue mich auf die Menschen, auf die kleinen Geschichten, die man nicht in Reiseberichten ließt.
3
Die ersten Wochen mit meinem Zoo waren nicht ganz einfach. Morgens, bevor ich die Augen auf bekam schickte ich die Hunde in den riesigen Vorgarten und bewaffnete mich mit einer Plastiktüte um im Halbschlaf den Hundekot einzusammeln. Die deutsche Gründlichkeit wurde nur durch den Fehltritt in die Sch...unterbrochen, die ich durch die ganze Bude verteilte. Und schon schrie ich Sch....und animierte die Katzen zum Jaulen, die schon hinter der Zimmertür in den Startlöchern standen um als Knäul ins Zimmer zu purzeln. Wenn die Hunde wieder drin waren, wurde die “Katzentür” geöffnet und wieder hatte ich eine Plastiktüte in der Hand um Sch...einzusammeln. Das Katzenstreu war immer überall verteilt. Die Kunststoffschaufel mit Löchern hat jemand erfunden der Katzenhalter hasst. Wie ein Goldgräber arbeitet man sich durch und versucht an Orangenblüten oder sonstigen schönen Düften zu denken.
Sunny erholte sich sehr schnell. Schon am Abend wackelte sie in den Vorgarten und versuchte sich zu erinnern, was sie da eigentlich wollte. Immer mit der Tendenz zum Umfallen. Alle Tiere schnüffelten an dem rasierten Fellteil herum. War es nun Sunny oder nicht? Nach drei Tagen ging es wieder an den Strand und die Kleine machte wieder einen Katzenbuckel und hüpfte wie ein Welpe. Mamagefühle adé. Floh raste eine Riesenrunde und nahm mit großer Schnelligkeit direkten Kurs auf uns. Sunny freute sich verhalten und innerhalb von dem Bruchteil einer Sekunde schlug die Stimmung um. Die Lefzen hoben sich und beide Hunde verkeilten sich ineinander und bissen um sich. Heftiges Knurren, wütendes Bellen und mein Geschrei gingen in einem Klangbrei unter. Ich versuchte beide am Geschirr auseinander zu reißen. Es entwickelte sich eine Kraft, die Zeit unberechenbar machte. Irgendwann gab Floh nach. Wir keuchten zu dritt. Mein Blick ging über Sunnys Narben. Die Fäden waren noch alle am Platz. Ich konnte nichts entdecken, aber Floh hinkte. Sunny hatte das rechte Vorderbein von der Lady fein durchgebissen. Wir gingen und humpelten zurück in einem endlosem Schweigen. Im App. leckte Sunny die Wunde von Floh. Beide Tiere sahen mich an, als würden sie auch nicht verstehen was passiert ist.
Mario erzählte mir was von Hormonen, veränderten Düften, und von einem Missverständnis. Das Beste wäre auch eine Kastration für Floh. Und es gab den nächsten OP Termin. Willkommen in Uruguay..SCHNITT!!
Diesmal war ich schlauer und legte den Termin so, dass Biber mitleiden konnte. Alles wurde einfacher. Meine bessere Hälfte übernahm die Hälfte der Verantwortung. Bevor er sich einleben konnte ging es zu Mario, dem Tierarzt für kleine Tiere. Man bekam schon Routine, nur das Biber beim Blick der Spritze fast ein zusätzlicher Patient wurde. Er drückte mir die Hundeleine in die Hand und wankte verantwortlich nach draußen.
Nach 1 1/2 Stunden brachte Mario den eingewickelten Floh plus Holz zum Heizen zu uns und packte beides an den Ofen . Der Tierarzt war sehr aufgeregt, da die Anti-Läufigkeitspritze zu spät gegeben wurde. Noch ein paar Tage und Flöchen hätte Uruguay gar nicht mehr erlebt. Diesmal verzichtete er auf die bildliche Darstellung, da Bibers Gesicht schon ins grünliche ging. Seine Beschreibung reichte um aus Bibers Knie Weichgummi zu machen. Denn als Mario den ersten Schnitt machte, richtete sich Floh auf und schaute Ihm dabei zu. Marios Puls flatterte und Floh bekam einen Narkosehammer. Zwei Tage später, schaute Floh uns an und hatte sicher einen Teil ihres Lebens verpennt.
Alles war wieder im Lot. Die Hunde lagen eng beisammen und versuchten die Situation zu verstehen. Die Katzen zerlegten weiterhin das kleine Zimmer und träumten von der Freiheit.
Nun galt es die Cedula, (Aufenthaltsgenehmigung) in Angriff zu nehmen. Der wichtigste Schritt ist, Miguel die ganzen Papiere in die Hand zu drücken und sich selber zu verdrücken. Klappt nicht ganz, da man bei Carné de Salut, selber zum Aderlass kommen muss. Für Biber nicht einfach, da Spritzen, wie schon erwähnt, seine Hautfarbe von einem freundlichen Aschgrau ins Marsmännchengrün verändert. Aber auch ich hatte meinen Adrenalinausstoß als ich das ältere Modell eines Zahnarztstuhls benutzen sollte. Ich suchte nach dem Antriebspedal. Als Miguel meine Befürchtungen übersetzte, lachte sich der Zahnarzt schlapp. Es handelte sich um ein Museumsstück. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, das für viele Länder dieser Erde dieses Modell ein Fortschritt wäre. Eigentlich ging alles sehr schnell. Blutabnahme, deshalb nüchtern, obwohl ich überzeugt war noch einen Restalkohol im Blut zu haben, aber wer sucht schon danach?! Blick in den Rachen und ein abklappern der Zahnlücken. Zum Schluss ein Blitzgespräch über die Gebrechen der Familie und eigene und TSCHÜSS!!
Biber hatte Hunger und schrie nach Frühstück, viel Frühstück. Fehler! In Uruguay ist das gleichzusetzen mit einem deutschen Frühstück für eine 5köpfigen Familie im Voralpenland. Miguels Augen hatten einen kleinen boshaftigen Schimmer. Dagegen schaufelte sich mein Biber das Graubrot mit Honig ein. Gelöscht mit Orangensaft. Dazu kleine Croissants mit diversen Füllungen. Kaffee zum Runterspülen. Noch waren wir alle munter dabei. Käsestangen in herzhafer Geschmacksrichtung. Spachtelten Sandwiches mit Käse und Schinken. Miguel schmiss als erster den Löffel und sah uns zu wie wir den Wechsel von süß und deftig gourmierten. Als dann aber Apfelstrudel und Schokoladentorten mit Dulce de Leche aufgetafelt wurde, fing ich an wie ein Maikäfer zu pumpen. Nur Biber analysierte immer noch die unterschiedlichen Frühstücksgewohnheiten weltweit und ließ nichts aus! Man war es mir schlecht.
Unterm Strich: die Gesundheitsuntersuchung war schnell und schmerzlos aber das Frühstück hat mich fast krank gemacht.

Überhaupt wäre das ein guter Essenstipp für europäische Einsteiger: Lieber eine Portion für ZWEI als je eine Portion oder gar Doppel-Portionen. Es sei denn man hat so einen Zoo wie ich. Irgendwann schicken uns die Hunde ins Restaurant, weil es dann immer so leckere Sachen wie die Weihnachtsblutwurst gibt. Blutwurst mit Zimt, Zucker und Nüssen. Schmeckt denen auch im August. Mir allerdings auch, obwohl ich immer noch damit eine Gaumenirritation hervorrufe. Man bekommt auch eine herzhafte Variante wie in Berlin.
Das Essen ist dem europäischem sehr ähnlich. Natürlich haben sich einige uruguayische Spezialitäten entwickelt und selbstverständlich gibt es einige Sachen nicht, die man in Deutschland liebt. Ich persönlich kann damit leben, auch wenn ich bestimmt manchmal Sehnsucht nach Tapas habe. Die habe ich in Spanien so gerne gemampft. Aber noch sind wir am probieren. Zur Zeit machen wir Notizen. Diesen Käse nicht, schmeckt käse, diesen ja, merken!!! Macht aber Spaß. Für mich habe ich Käse mit Membrillo entdeckt. Allerdings nachdem mir Miguel solch eine Kombination in den Einkaufswagen gelegt hat. Hätte freiwillig so schnell nicht zugegriffen. Käse mit Quittenmarmelade im Block. Eh.... Köstlich! Kein Frühstück mehr ohne. Auch da gibt es Varianten: Dulce de Membrillo Dona Elvira, Dulce de Durazno, Goiabada, Dulce de Batata con Chocolate u.s.w. Biber verdreht die Augen und murmelt was von “pervers”.
Auf jeden Fall sind die Hunde glücklich. So viel Fleisch gab es noch nie.


Der letzte Umzug mit den Tieren stand uns bevor. Wir konnten endlich ins Haus. Diesmal war ich schlauer. Mit teurem Tütenweichfutter ,Lachs und Thunfisch, lockte ich die kritisch gewordenen Kratzbürsten in den Transportkorb. Filou und die Dumpfbacke fighteten um den ersten Happen. Und schon klappte die Falle zu und Biber schleppte gleich zwei Katzen durch die kalte Winterluft. Nun wurde das Futter zur Marke “Istmirschlecht” und fingen an zu jaulen. Biber jaulte über das Gewicht und ich versuchte bewaffnet mit Katzenklo und Streu die drei zu beruhigen. War wohl nicht sehr überzeugend, denn alle mauzten weiter. Die neuen Nachbarn winkten uns zu und wünschten uns alles Gute.
Im zukünftigen Schlafzimmer brachten wir den Korb unter und versuchten es etwas gemütlich zu machen. Biber brummelte was von: “Geht nicht”, und trottete davon. Ich erinnerte mich an die alte verrostete Leiter, die der Vorbesitzer uns großzügigerweise überlassen hatte. Ich schleppte das Ding unter Stöhnen und Beobachtung der Nachbarn an das Fenster und polsterte die oberste Stufe mit der Iberiadecke aus. Nun hatten die Pussys einen Aussichtsturm.
Biber schleppte ebenfalls und setzte einen großen Pappkarton, mit kleinen Winkunterbrechungen an die Nachbarn, in das neue Katzenzimmer. Er riss die Verpackung ab und es kam ein Radiator zum Vorschein.” Ein Angebot von Tienda Inglesa”brummelte er. So langsam ging der Zoo ins Geld.
Mit schlechtem Gewissen den beiden Katzen gegenüber, die nun allein im Haus waren, leerem Transportkorb und freundlichem Nachbarnwinken gingen wir zurück zum App. Tigger sprang regelrecht in den Korb und suchte seine Brüder. Biber trank einen Schlückchen köstlichen Whisky und schnappte sich Tigger. Die Nachbarn hatte keine große Pause zum nächsten Winkaufgebot. Da standen sie wieder alle und versuchten herauszubekommen, was wir da anschleppten. Denn Tigger sagte gar nichts. Er litt am meisten von allen. Als er Filou und Gamasche sah, kuschelte er sich bei den beiden ein. Wir gingen wieder winkend zurück und wussten, dass sie die Nacht alleine verbringen mussten. Alle miesen Gedanken wurden beiseite geschoben. Idefix genoss die Supersolokaterstellung und wich Biber nicht von der Pelle. Die ganze Nacht verbrachte er an seinen Füßen.
Am nächsten Morgen sah Idefix es überhaupt nicht ein seinen neuerworbenen Status aufzugeben. Kein Trick brachte ihn in die Kiste. Ich versuchte es mit Tüten “Hühnchen in Gelee, Fleisch im eigenen Saft und Wildlachs.” Idefix machte eine spontane Nulldiät.
Tranquilo.
Wir stellten die Falle in guter Position und warteten. Beim ersten Geräusch sprangen wir zu und erwischten Sunny beim Einatmen des kompletten Menus. So langsam gingen uns die Tüten aus. Idefix rekelte sich unschuldig aufs Bibers Stuhl und putzte gründlich sein Fell. Erst am späten Nachmittag konnten die Nachbarn wieder spalierwinkend den Neuzugang bewundern. Irgendwann entdeckten wir nämlich den Kater schlafend in der Kiste. Nun waren sie alle wieder zusammen.
Am nächsten Tag zog auch der Rest des Rudels, wie Tomduli sagen würde, ein. Es gab den Moment, wo die Hunde vor der Tür und die Katzen hinter der Tür standen; mit einem Tierkonzert, das alle Timingpläne zunichte machte. Wir öffneten die Tür und waren sehr angespannt. Außer Tigger erkundigten alle sämtliche Möglichkeiten der neuen Behausung. Mir viel der erste Eindruck ein, das wäre ein Katzenhaus. Nun turnten sie auf den Balken herum und genossen den Auslauf. Nur Tigger traute sich nicht aus dem Zimmer. Einen Tag später machten wir die Haustür auf. Drei Katzen rannten auf die Bäume und nahmen die Landschaft auf. Tigger schaffte es gerade sich im Schlafzimmer zu verstecken. Mit nichts konnten wir ihn locken. Nachts hörten wir dann ein Rumsen und Getöse im Hauptraum. Verschlafen entdeckten wir Tigger, der sich von Balken zu Balken schwang. Es war der Moment der Annahme. Alle Tiere versammelten sich und tobten durch das Haus. Wir nahmen uns einen Wein im Wasserglas und waren überglücklich, die Tiere waren angekommen, sie waren ZUHAUSE.

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